Neozoen und Irrgäste

Neozoen sind, analog zu den Neophyten im Pflanzenreich, Tiere die bewusst oder unbeabsichtigt durch Menschen in ein Gebiet eingeführt wurden, wo sie ursprünglich nicht vorkamen. Irrgäste sind Tiere, welche aus eigener Kraft, ob gewollt oder ungewollt, z.B. durch Verdriftung durch einen Sturm, in Gebieten auftauchen, in denen sie sonst nicht heimisch sind. Diese Unterscheidung ist bei Säugetieren, z.B. beim Waschbär, oder bei Mollusken wie der Wandermuschel, relativ einfach nachzuvollziehen. Meist sind auch die Wege einigermassen klar, welche zu ihrer Ausbreitung führten. Schwieriger wird es naturgemäss bei sehr mobilen Arten wie bei Vögeln, welche aus eigenem Antrieb grosse Distanzen überwinden. Bei Letzteren gibt es, besonders im Winter, auch immer wieder seltene Gäste welche sporadisch in einem Gebiet auftauchen, obschon dieses abseits der klassischen Zugrouten oder Überwinterungsgebiete liegt. Diese “Irrgäste” kehren in der Regel wieder in ihr angestammtes Gebiet zurück. Eine klare Abgrenzung der verschiedenen Kategorien ist bei Vögeln nicht immer möglich.

Klar nicht zu den Neozoen gehören durch den Menschen wiedereingeführte Arten, also Tiere wie Luchs, Biber oder Steinbock, welche ursprünglich im Alpenraum verbreitet waren, ausstarben und dann wieder angesiedelt wurden. Das bekannteste Beispiel bei den Vögeln dürfte der Bartgeier sein. Er wurde Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in den Alpen ausgerottet und in den letzten Jahrzehnten mit viel Aufwand erfolgreich erneut angesiedelt. Heute brütet er wieder verbreitet am zentralen Alpenhauptkamm.

Bartgeier, nach seiner Ausrottung wieder im Alpenraum angesiedelt. (Einheimische Art)

Mit der Klimaerwärmung verschieben sich Verbreitungsgebiete. Wärmeliebende Arten wie der Bienenfresser besiedeln auch bei uns neue Territorien; Stare, Störche oder der Zilpzalp bleiben in milden Wintern hier und ziehen nicht mehr. Auf Kälte angewiesene Arten, die zudem standorttreu sind wie das Schneehuhn, kommen hingegen unter Druck. Als Standvogel kann dieses nur nach oben ausweichen - vorausgesetzt im Brutgebiet ist die Gipfelregion hoch genug.

Die Nilgans, ursprünglich in Afrika beheimatet, ist heute in Mitteleuropa regelmässiger Brutvogel und damit Neozoon.

Die Auswirkungen auf die heimische Fauna durch Neozoen sind von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Während sich einige, wie z.B. die Mandarinente, diskret in ein Ökosystem einfügen und nur sehr langsam ausbreiten, sind andere Arten wie die Nilgans dominant, beanspruchen knappe Ressourcen wie Bruthöhlen und verdrängen dabei problemlos lokale Arten. Während die Ausbreitung grösserer Tierarten durch den Menschen mittels Jagddruck beeinflusst werden kann, ist dies bei kleinen Tieren wie Insekten, Stichwort Asiatische Hornisse, oder Mollusken bedeutend aufwändiger, wenn nicht gar unmöglich. So ist die Dynamik bei der Wander- oder Zebramuschel kaum zu kontrollieren. Sie bedeckt mit riesigen Kolonien ganze Seeareale und filtriert Unmengen an Planktonorganismen aus dem Wasser (Filtrierleistung ein bis zwei Liter Wasser pro Stunde / Tier). Damit entzieht sie dem Wasser Nährstoffe, welche der angestammten Fischpopulation und anderen heimischen Arten fehlen. Zudem richtet sie Schäden an menschlichen Einrichtungen wie Wasserfassungen oder Kraftwerken an. Aus ornithologischer Sicht gibt es einen, allerdings kleinen, Lichtblick: Bei Reiher- und Tafelenten stehen Wandermuscheln im Winter ganz oben auf dem Speiseplan.

Mandarinenten kommen natürlicherweise von Südostrussland über China bis nach Japan vor. In Europa als Ziervogel gehalten, entflohen und entfliehen immer wieder Exemplare in die Freiheit. Im Raum Bern kenne ich zwei Populationen, eine im Raum des Selhofenzopfens an Aare, Giesse und Gürbe mit etwa einem Dutzend Individuen, die zweite an der Saanemündung bei Oltigenmatt mit weniger als einem halben Dutzend Tiere. Als Höhlenbrüterin benötigt sie einen alten Baumbestand mit Specht- oder natürlichen Höhlen. Es sind bisher keine negativen Auswirkungen auf andere Arten bekannt.

Die Kanadische Bergente kann im Hafen Neuenburg bestaunt werden (Winter 25/26). Sie wurde vermutlich durch einen Sturm verfrachtet und erreichte die Schweiz wohl eher zufällig. Es ist kaum anzunehmen, dass sie den Weg zurück sucht und findet. Alleine wird sie sich auch nicht fortpflanzen können, es sei denn, sie hybridisiere mit einer anderen Entenart. Dieses Fortpflanzungsverhalten kommt bei Enten häufig vor.

Die Rosaschnabelente ist eine südamerikanische Art und lebte vor ein paar Jahren im Hafen Lachen am Thunersee. In Hilterfingen hält ein Thuner Unternehmer verschiedene Zierarten, wobei seine entflohenen Schwarzen Schwäne seinerzeit für Schlagzeilen sorgten. Es ist anzunehmen, dass dieses Exemplar ausgebüxt und über den See geschwommen ist, wo sie dann relativ unauffällig in Gesellschaft von Stock-, Reiher- und Tafelenten lebte.

Die Rostgans ist eine von zwei Halbgänsen welche in der Schweiz vorkommen. Sie brütet in den Steppen Asiens und Afrikas, ihre Verbreitung reicht natürlicherweise bis in die Ägäis. Heute brütet sie, ausgehend von Gefangenschaftsflüchtlingen, in der Schweiz und breitet sich sowohl geografisch, ausgehend vom Greifensee, wie auch anzahlmässig aus. Als Höhlenbrüterin nutzt sie neben natürlichen Höhlen auch Nistkästen und konkurrenziert Arten wie Schleiereule und Turmfalke oder höhlenbrütende Enten und Säger. Im Brutgebiet tritt sie dominant und aggressiv auf und gefährdet so heimische Arten.

Die Weisswangengans ist ein seltener Wintergast oder Durchzügler, sie bildet keine stabile Population und ist so auch keine Bedrohung für lokale Arten. Ich sehe sie gelegentlich in Begleitung von anderen Gänsearten wie Graugänsen. Ihr Verbreitungs- und Brutgebiet sind natürlicherweise arktische Regionen. Zum Überwintern zieht sie normalerweise an die Küsten von Nord- und Ostsee.

Für die Nilgans gilt in Bezug auf die Konkurrenzierung heimischer Arten das gleiche wie für die Rostgans. Sie ist sehr dominant, während der Brutzeit aggressiv und sie vertreibt andere Wasservögel rabiat aus der Nähe ihres Nests oder ihrer Jungen. Sie breitete sich, ausgehend von den Niederlanden, in Europa rasant aus und in den letzten Jahren stieg ihr Bestand steil an. In der Schweiz hat er sich in zehn Jahren etwa vervierfacht. Daher drängt sich eine Bestandesregulierung auf.

Die Brandgans gehört zu den Halbgänsen und ist in der Schweiz ein seltener, aber regelmässiger Durchzügler. Jährlich werden einzelne Bruten registriert. Ihr Verbreitungsgebiet liegt vor allem an der Nord- und Ostsee, sie kommt aber auch am Mittelmeer und Schwarzen Meer vor. Sie brütet in Erdhöhlen. Probleme für lokale Arten sind nicht bekannt, was auch mit der geringen Anzahl an Individuen zu tun hat.

Blauracken brüten in Europa in südlichen und östlichen Regionen mit warmem Klima. Ihre Bestände gehen europaweit zurück. In der Schweiz waren Sichtungen lange Zeit sehr selten (zwei bis drei pro Jahr), häuften sich aber ab 2022. Letzten Sommer blieb ein Individuum über mehrere Wochen am gleichen Standort im Bernbiet, was aussergewöhnlich ist.

Der Jagdfasan wäre eigentlich ein klassisches Neozoon. Allerdings wurde er schon von den Griechen und Römern in der Antike für kulinarische und jagdliche Zwecke aus Mittel- oder Südostasien eingeführt und ausgesetzt. Später hat er sich durch Zuchtaussetzungen für die Jagd durch Höfe und Adelshäuser in Europa weit verbreitet. In der Schweiz gibt es mehrere kleine Populationen, die grösste findet sich im Tessin. Durch die intensive Landwirtschaft und ein seit 2013 geltendes Aussetzungsverbot für Zuchtvögel zu Jagdzwecken, sind die Bestände rückläufig und gefährdet.

Der Heilige Ibis ist in Afrika weit verbreitet. In Europa haben Vögel aus Gefangenschaft in letzter Zeit verschiedene Kolonien gegründet und sich rasch vermehrt. Da sie u. a. auch Kolonien von Seevögeln plündern, hat man z. B. an der französischen Atlantikküste begonnen die Art zu dezimieren. In der Schweiz habe ich bisher nur ein einzelnes Exemplar bei Leuk im Wallis gesehen - wahrscheinlich ein Gefangenschaftsflüchtling. In der Toskana bei Massaciuoccoli existiert eine Brutkolonie, das Bild stammt von dort (s. Blog Massaciuoccoli).

Rosaflamingo, tauchte im Herbst / Winter 2025 am Klingnauerstausee auf. Sichtungen in der Schweiz sind extrem selten. (Symbolbild aus der Camargue).

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Massaciuoccoli