Evolution I Vogelschnäbel
Die Resultate der Evolution mit ihren vielfältigen, verblüffenden Lösungsansätzen lassen mich immer wieder staunen. Ob Körperbau, schier unvorstellbare Lebensweisen oder letztlich die Entwicklung der Intelligenz: Die Thematik ist unerschöpflich - und nie abgeschlossen. In meinem ersten Blog zum Thema beschäftige ich mich mit den Vogelschnäbeln.
Es scheint in Bezug auf den Einfallsreichtum der Natur keine Grenzen zu geben. Auch wenn “Einfallsreichtum” hier kaum der passende Ausdruck ist, da die Evolution kein zielgerichteter Prozess, sondern vielmehr das Resultat von Zufällen ist. Letztlich geht es immer ums Überleben und darum, die eigenen Gene möglichst erfolgreich zu vererben. Bei der Fortpflanzung entstehen zufällige genetische Variationen bei der DNA-Replikation, kleine Abweichungen oder Fehler. Diese können sich sowohl als Vor- als auch als Nachteil für das betreffende Individuum erweisen. Scheinbar kleine Unterschiede und Entwicklungen haben aber offensichtlich einen grossen Einfluss auf den Erfolg des Einzelnen. Nachteilige Mutationen verschwinden entweder sofort oder über die Zeit, während sich Vorteile vererben und über viele Generationen zu einer dauerhaften Veränderung einer Population führen. Einzelne Arten sterben aus, während sich gleichzeitig andere bilden.
Gänsesäger mit “Spezialwerkzeug”: Hakenspitze und Sägezähne für den Fischfang
Schnäbel sind für Vögel ein absolut zentrales, multifunktionales Instrument, quasi ein Schweizer Sackmesser als Arm- und Handersatz. Neben der Nahrungsaufnahme nehmen sie zahlreiche weitere Aufgaben wahr: Gefiederpflege, Nest- und Höhlenbau, Tast- und Sinnesorgan, soziale Interaktionen, usw. Die Ausgestaltung des Schnabels entwickelte sich in engem Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme und ermöglichte so den einzelnen Arten die Spezialisierung auf eine ökologische Nische und eine bestimmte Nahrungsquelle. Spezialisierung reduziert einerseits den Konkurrenzdruck mit anderen Arten, bedingt andererseits aber weitere Anpassungen an den Körperbau wie Körpergrösse, Halslänge, Flugfähigkeit und -geschwindigkeit, Ausgestaltung der Füsse und Klauen, usw. Eine starke Spezialisierung birgt, besonders bei sich rasch verändernden Bedingungen, aber auch Risiken und kann sich als evolutionäre Sackgasse erweisen.
Die Aufnahme der Nahrung mit dem Schnabel führte im Laufe der Evolution und über Jahrtausende zu den erstaunlichsten Formen und “Werkzeugen”, deren Vielfalt die folgenden Bilder illustrieren sollen.
Die Reiherente ist eine unserer häufigen Tauchenten. Ihr Bestand in der Schweiz nimmt im Winter stark zu, da nordische und östliche Populationen die grossen, eisfreien Seen als Überwinterungsquartier schätzen. Ihr Verbreitungsgebiet dehnt sich langsam vom Norden und Osten Europas nach Südwesten aus, sie brütet heute auch bei uns. Die Nahrung ist vorwiegend tierisch. Im Winterhalbjahr taucht sie nach Wandermuscheln, welche sie ganz verschlingt und in ihrem Muskelmagen zerquetscht.
Der Rosaflamingo brütet in grossen Kolonien in Lagunen, Salzseen und Salinen. In der Schweiz ist er nur ausnahmsweise anzutreffen, so z.B. im Winter 25/26 am Klingnauer-Stausee. Er filtriert seine Nahrung, Kleinstlebewesen, Insektenlarven, kleine Krebstiere und anderen Plankton, kopfüber aus dem Wasser. Der Fachbegriff dafür ist “seihen”.
Vom Gänsesäger existieren zwei Populationen: Die Hauptpopulation lebt in Nord- und Osteuropa, ein genetisch abweichender Bestand im Alpenraum. Nordische Gäste verbringen den Winter aber oft auch bei uns. Als Höhlenbrüter nutzt er Felsnischen, Baumhöhlen und Mauerlöcher. Er frisst vor allem Fische bis zu 15 cm, welche er “lugend”, das heisst schwimmend mit dem Kopf im Wasser, erspäht, jagt und dann tauchend erbeutet.
Als anpassungsfähiger Generalist ist der Graureiher in der Schweiz weit verbreitet. Er jagt an Gewässern Fische, Amphibien, Reptilien und Küken von Wasservögeln, im Kulturland vor allem Mäuse, aber auch Grossinsekten und Regenwürmer. Mit seinem dolchartigen Schnabel schnappt er seine Beute oder er spiesst sie einfach auf.
Als Erdspecht ist der Grünspecht ein Nahrungsspezialist. Auf seinem Speiseplan stehen ganzjährig Ameisen und deren Larven. Er kann seine klebrige Zunge bis zu einem Drittel seiner Körperlänge ausstrecken (ca. 10 cm), gezielt steuern und damit in Ameisenbauten eindringen. Eine harpunenähnliche Spitze ergänzt dieses “Spezialwerkzeug”. Das Schema zeigt die Aufhängung der Zunge im Ruhezustand, von der Schnabeloberbasis über Schädel und Schlund bis in den Schnabel.
Der Habicht ist ein Greifvogel mit entsprechend angepassten Klauen und Schnabel. Als Ansitzjäger überrascht er seine Beute, welche in erster Linie aus Vögeln besteht. Bei Gelegenheit verschmäht er aber auch Kleinsäuger bis zur Grösse eines Hasen nicht. Sein Hakenschnabel dient dem Rupfen und Zerteilen seiner Beute.
Der Kernbeisser ist unsere grösste Finkenart. Er bewohnt gerne Eichen-, Hagebuchen- oder andere Laubmischwälder. Im Winterhalbjahr ist er auch im Siedlungsraum anzutreffen und es kommt manchmal zu invasionsartigen Einflügen aus Skandinavien. Mit seinem massiven Schnabel knackt er selbst Kirsch- und Zwetschgensteine. Bei der Beringung ist daher äusserste Vorsicht geboten!
Die Uferschnepfe ist ein regelmässiger aber spärlicher Durchzügler in der Schweiz. Sie sucht gerne auf Schlickflächen, in Flachwasserzonen oder auf überfluteten Wiesen, mit ihrem langen Schnabel stochernd, nach Nahrung. Dabei kann sie den Schnabel ganz in den Schlick stecken, ihre Beutetiere ertasten und mit der beweglichen Spitze packen und herausziehen.
Fast ausschliesslich von Fisch ernährt sich der Krauskopfpelikan. Er benötigt etwa 1-3 kg Fisch pro Tag, welche er mit seinem Kehlsack wie mit einem Kescher im flachen Wasser nahe der Oberfläche erbeutet. Oft schliessen sich mehrere Vögel zusammen, bilden einen Halbkreis und treiben die Fische in seichtes Wasser. Er kommt in der Schweiz natürlicherweise nicht vor.
Der Buntspecht ist relativ anspruchslos und ernährt sich am vielseitigsten von allen Spechtarten. Daher ist er der häufigste Vertreter dieser Familie. Jährlich zimmert er eine neue Bruthöhle und baut oder beginnt weitere Höhlen. Sein Schnabel dient mit dem Trommeln auch als Kommunikationsinstrument. Von seiner Bautätigkeit profitieren zahlreiche Höhlenbrüter, seien es Vögel, Kleinsäuger oder Insekten. Ökologisch hat der Buntspecht eine wichtige Funktion.
Mit seinem pincettenförmigen, feinen Schnabel ist der Teichrohrsänger ein typischer Vertreter der Insektenfresser. Das Angebot an Insekten ist im Winter knapp, Insektenfresser sind daher meist Langstreckenzieher. Der Teichrohrsänger überwintert südlich der Sahara in Westafrika. In der Schweiz ist er im Flachland weit verbreitet, schon ein kleiner Schilfbestand genügt ihm als Bruthabitat. Er ist durch seinen rhythmischen Gesang leichter zu hören als im dichten Schilf zu entdecken.
Und zu guter Letzt noch ein Extrembeispiel: Der Fichtenkreuzschnabel
Mit seinem hochspezialisierten Schnabel kommt der Fichtenkreuzschnabel, wie der Kernbeisser eine Finkenart, als einziger an Samen noch geschlossener Fichten- und Weisstannenzapfen heran. Damit aber nicht genug: Es kommen in jeder Population Vögel mit linksschlägigen und rechtsschlägigen Überkreuzungen im Verhältnis 1:1 vor. Damit hat jeder Vogel seine bevorzugte Seite, von der her er Zapfen bearbeitet. Falsch hängende Zapfen verschmäht er. Sobald in einer Population eine Schnabelform überwiegt, stehen Individuen mit der anderen Form mehr Zapfen zur Verfügung, sie überleben besser und zeugen mehr Nachwuchs - womit sich das Verhältnis wieder ausgleicht und bei 1:1 einpendelt.
Evolution eben!