Der Kormoran - Bedrohung für unsere Fischbestände?
Ich kann mich nicht erinnern, in meiner Jugendzeit in der Schweiz einen Kormoran gesehen zu haben. Aber seit der Jahrtausendwende ist der Bestand regelrecht explodiert und er beträgt heute schweizweit ca. 3500 Brutpaare. Ist das ein Problem?
Der Kormoran wurde als Fischfresser lange intensiv bejagt und in Europa nahezu ausgerottet. Seit den Schutzmassnahmen Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts haben sich die Bestände stark erholt und der Kormoran ist in Europa wieder weit verbreitet und nicht länger gefährdet. Dies obschon er ausserhalb von Schutzgebieten in der Schweiz immer noch gejagt werden darf. Beim Kormoran muss man zwischen Winter- und Brutbestand unterscheiden. Zahlreiche nordische Vögel nutzen unsere grossen eisfreien Seen zur Überwinterung. Natürliche Feinde wie Uhu und Seeadler spielen in Bezug auf die Bestandsentwicklung kaum eine Rolle, und als Kolonie- und Baumbrüter hat er auch vom Fuchs nicht viel zu befürchten. Allerdings limitieren fehlende, von Menschen ungestörte, Brutplätze seine Expansion.
Seeadler sind in Mitteleuropa nicht heimisch und das Aufzuchtprogramm mit Auswilderung am französischen Ufer des Genfersees hat bisher erst einen Jungvogel für einige Monate an den Neuenburgersee gebracht. Der Uhu kommt im Mittelland nur vereinzelt vor, der Fuchs muss, im besten Fall, mit aus dem Nest gefallenen Jungvögeln Vorlieb nehmen.
Beide Geschlechter sind gleich gefärbt, jedoch kann man das Prachtkleid gut vom Schlichtkleid und die adulten Tiere von Jungvögeln unterscheiden. Im Uhrzeigersinn von oben links: Schlichtkleid, Wechsel zum Prachtkleid, wunderschön ausgefärbtes Prachtkleid in Bronzetönen sowie Jungtier. Letztere sind auf der Oberseite bräunlich und und zeigen eine mehr oder weniger helle oder weisse Unterseite.
Junger Kormoran in arttypischer Haltung.
Obschon der Kormoran auch über ein Bürzeldrüse verfügt, hat er weniger stark gefettete - und damit wasserabweisende - Deckfedern als andere Wasservögel. Dies ist ein evolutionärer Kompromiss, denn das durchnässte Gefieder enthält weniger Luft, reduziert den Auftrieb und damit den Kraftaufwand beim Tauchen. Tauchgänge von 30 - 60 Sekunden in Tiefen bis zu zehn Metern, in Einzelfällen auch tiefer, sind möglich. Nach dem Tauchen verbringt der Kormoran viel Zeit mit dem Trocknen des Gefieders. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Dauer des Flügelspreizens davon abhängt wie lange der Vogel im Wasser war.
Die grösste Brutkolonie der Schweiz liegt im Fanel am Neuenburgersee, von wo diese Bilder stammen. 2001 brüteten hier gerade einmal zwei Paare, 2014 waren es bereits 427 und 2024 zählte man 1183 Brutpaare. In dieser sehr grossen Kolonie werden durch den Nestbau, den dafür abgebrochenen Zweigen und Ästen, besonders aber durch den untern den Nistbäumen anfallenden Kot, die Bäume geschädigt. Guano, der Vogelkot, bringt grossen Mengen an Stickstoff und Phosphor ein, der Boden verändert sich chemisch und übersäuert. Das Ammoniak verätzt die Bodenvegetation und es entstehen kahle Stellen. Durch das Gewicht der Nester werden zudem die Kronen belastet. Insgesamt führen diese Faktoren zum Absterben einzelner Bäume. Es wird interessant sein zu beobachten was passiert wenn zu viele Brutbäume absterben und zusammenbrechen. Geeignete, ungestörte Reviere stehen nicht unbeschränkt zur Verfügung und ich nehme an, dass dannzumal eine zumindest lokale Trendumkehr der Bestände erfolgen könnte.
Dies ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt von einer der vorgelagerten Inseln im Fanel. Sie alle sind, ebenso wie die Brutbäume an Land, gerammelt voll mit Kormoranen. Man erhält wirklich das Gefühl, dass jeder Platz besetzt ist.
Jeden Morgen bricht die Kolonie auf zur Jagd - ein in Ausmass und Eindrücklichkeit in der Schweiz seltenes Naturspektakel. Immer wieder ziehen Dutzende oder gar Hunderte der Vögel in Schwärmen auf den See, was bis zu einer Stunde andauern kann. Die Aussichtsplattform “Gemshoger”, rechtsufrig der Broyemündung, ist für die Beobachtung dieses Spektakels ideal gelegen.
Je nach Jahreszeit, Körpergrösse und Aktivitätslevel benötigt ein erwachsener Kormoran 400 - 500 Gramm Fisch pro Tag. Wenn du das mit 1000 Brutpaaren multiplizierst und noch die Jungvögel dazu zählst, benötigt die Kolonie im Fanel weit über eine Tonne Fisch - Tag für Tag! Das gefällt natürlich nicht allen. Besonders die Berufsfischer beklagen Einbussen, nicht zuletzt weil Kormorane auch ihre Netze plündern oder darin gefangene Fische verletzen. Eine Studie des BAFU kam allerdings zum Schluss, dass der Schaden nicht existenzbedrohend sei. Dass auch Hobbyangler Mühe mit dem Thema bekunden liegt vielleicht daran, dass ihnen die Kormorane vormachen wie man erfolgreich fischt. (Als Gelegenheitsangler erlaube ich mir, mit einem Augenzwinkern, diese Aussage). Die Vögel jagen ja nicht in erster Linie Edelfische wie wir, sondern begnügen sich gerne auch mit Weissfischen, welche in grossen Schwärmen vorkommen.
Ganz objektiv betrachtet: Wenn sich die Kolonie über so viele Jahre so erfolgreich entwickeln konnte liegt der Schluss nahe, dass die drei Seen diese Menge Fisch produzieren können - sonst wäre die Anzahl der Brutpaare stagniert oder gesunken.
Etwas anders sieht die Lage in Fliessgewässern mit stark gefährdeten Arten wie Äsche, Nase oder Bachforelle aus. Deren Bestände stehen, sicher nicht in erster Linie wegen dem Kormoran, unter enormem Druck. Trotz Renaturierung von Flüssen und Bachläufen sieht es für sie schlecht aus und der Hitzesommer 2026 hat vielerorts für weitere Bestandeseinbrüche gesorgt. Deshalb ist jeder durch einen Kormoran erbeutete Fisch in diesen Gewässern einer zu viel. Das gilt im Kanton Bern aber ebenso für die fünf Äschen pro Jahr, welche jeder Sportfischer mit Angelpatent und Sonderbewilligung immer noch in der Aare fangen darf!
Das Leben ist auch für einen Kormoran nicht immer einfach. Links junger Kormoran mit Gleichgewichtsproblemen, in der Mitte ein anderer mit einem Angelhaken im Schlund und der rechts leidet unter 36 Grad Hitze. Da Vögel nicht schwitzen, sieht man sie bei hohen Temperaturen oft hecheln, um über den Schnabel Wärme abzugeben. Auch das dunkle Federkleid dürfte in diesem Hitzesommer kein Vorteil gewesen sein.
Fazit: Der Kormoran ist sicher nicht ursächlich verantwortlich für den Rückgang vieler Fischarten; aber wie überall gibt es Licht und Schatten und dafür steht dieser Kormoran vor dem Regenbogen.
Für mich als Ornithologe sind Bestandeszunahmen in der Vogelwelt immer ein Grund zur Freude. Denn ich bin überzeugt, dass die Natur, vorausgesetzt wir lassen ihr genügend Raum und Zeit, das Gleichgewicht von alleine herstellt.